Manche Situationen im Job hinterlassen tiefere Spuren, als sie eigentlich sollten. Ein Kommentar in der Teamsitzung beispielsweise, der noch Stunden nachhängt. Ein Kundengespräch, nach dem du fix und fertig bist, ohne genau sagen zu können, warum. Die naheliegende Erklärung ist meistens, dass der Job, die Situation oder die Person gegenüber anstrengend ist. Oft lohnt sich jedoch ein zweiter Blick. Aber nicht auf das, was passiert ist, sondern darauf, was es mit dir gemacht hat.
Was bleibt, wenn die Situation vorbei ist
Natürlich gibt es Situationen, die objektiv gesehen schwierig sind: ein Kunde, der ständig seine Meinung ändert oder eine Kollegin, die ihren Teil der Arbeit häufig zu spät abliefert, so dass du es am Ende ausbügeln musst. Das ist unangenehm, daran gibt es nichts zu deuten.
Interessant wird es bei der Frage: Machst du daraus eine Mücke oder einen Elefanten? Zwei Personen können dieselbe Situation erleben und sich danach ganz unterschiedlich fühlen: die eine geschafft und leer, die andere genervt, aber schnell wieder bei sich. Der Unterschied liegt selten an der Situation, sondern an dem, was jede:r mitbringt: eigene Muster, blinde Flecken oder die persönliche Art und Weise, mit Erwartungen oder Druck umzugehen.
Dasselbe Muster, verschiedene Situationen
Eine Frau, die ich vor einiger Zeit begleitet habe – nennen wir sie Nina -, erzählte mir, dass sie oft erst im Nachhinein merkt, wie erschöpft sie ist. Dann fällt ihr auf, dass sie seit dem Frühstück nichts getrunken und keine Pause gemacht hat. Das passiert vor allem dann, wenn sie mit anderen Menschen im Austausch ist. Sobald jemand vor ihr sitzt – ob Kunde, Kollegin oder Chefin –, richtet sie ihre ganze Aufmerksamkeit nach außen.
Wir haben uns das genauer angeschaut und festgestellt, dass dieses „Nicht-bei-sich-Sein“ kein reines Job-Thema ist. Nina kennt das Gefühl auch aus anderen Situationen in ihrem Privatleben. Zum Beispiel mit ihrem Partner, wenn es um kleine oder große gemeinsame Entscheidungen geht. In solchen Momenten weiß sie manchmal selbst nicht genau, was sie möchte.
Und wenn sie es weiß, meldet sich schnell der Gedanke: Wenn ich jetzt sage, was ich wirklich will, enttäusche ich ihn und stehe ich am Ende vielleicht allein da. Die Folge ist, dass sie oft „ja“ sagt, obwohl sie eigentlich „nein“ meint und dann unzufrieden ist.
Beruflich wie privat zeigt sich derselbe Kern: Sobald andere Menschen im Spiel sind, verliert sie den Kontakt zu dem, was sie selbst braucht oder will. Sie ist präsent und aufmerksam, nur eben nicht bei sich, sie funktioniert einfach weiter, ohne mitzubekommen, wie es ihr gerade geht.
Wie du den Fokus wieder zu dir holst
Ein anderes Umfeld oder ein neuer Job würde an der Art, wie Nina sich in Kontakt mit anderen verhält, nichts ändern. Und die Erwartungen der anderen kann sie auch nicht beeinflussen. Außerdem ist Nina ohnehin schon sehr aufmerksam für das, was andere Menschen brauchen. Verständnisvoll, flexibel und belastbar zu sein, macht sie zu einer angenehmen Kollegin und Partnerin. Nur hat das auch seinen Preis: Ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren und danach zu handeln, fällt ihr schwer.
Wir haben deshalb gemeinsam überlegt, was allein in ihrer Hand liegt. Sie könnte beispielsweise ihren Körper bewusst wahrnehmen und ihre hochgezogenen Schultern entspannen, bevor sie abends Rückenschmerzen hat. Oder sie könnte sich nach einem Termin fragen, wie es ihr gerade geht und was sie in diesem Moment braucht.
Auch in Gesprächen, die für sie schwierig sind, kann sie sich Zeit verschaffen, zum Beispiel indem sie ihre Antwort zu einem späteren Zeitpunkt zusagt. Damit übt sie schrittweise, bei sich zu bleiben. Bei diesen Überlegungen tauchte auch ihr Wunsch nach einem Hund wieder auf, von dem sie seit Jahren spricht, für den es aber nie der richtige Zeitpunkt war.
Wieder mehr bei sich selbst zu sein, erfordert bewusstes Wahrnehmen und Handeln. Es sind die vielen kleinen Schritte und nicht die eine große Lösung. Sie bringen dich wieder mit dir selbst in Kontakt, und das wirkt sich überall aus, im Job genauso wie zu Hause. Denn wenn sich etwas in dir verändert, verändert sich auch, wie du auf andere reagierst – und wie sie auf dich reagieren.


