Viele Mütter teilen das bittere Gefühl, im Job nicht genug erreicht zu haben. Liegt das „nur“ an schlechteren Karrierechancen oder steckt noch mehr dahinter? Ich wollte es genauer verstehen und habe nach anderen Antworten gesucht.
Ein Satz, den ich oft höre
„Ich bin beruflich unter meinem Potenzial geblieben.“ Die Frau, die das sagt – nennen wir sie Claudia – hat studiert, in verschiedenen Ländern gelebt und spricht mehrere Sprachen. Als sie Mutter wurde, traf sie berufliche Entscheidungen, die vor allem pragmatisch waren. Jetzt möchte sie den Job wechseln und sich mehr zutrauen, was sie zu mir ins Coaching führte.
Claudia ist mit diesem Gefühl nicht allein. Im Gegenteil: Ich höre diesen Satz in verschiedenen Varianten erstaunlich oft. Und fast immer kommt er von Frauen, bei denen ich zuerst denke: Wie bitte?
Frauen, die gut ausgebildet sind, Kinder großgezogen und Verantwortung übernommen haben. Frauen, die für jedes Problem eine Lösung finden und ihren Alltag mit beeindruckender Souveränität organisieren. Frauen, die wissen, wie herausfordernd die vergangenen Jahre waren und die eigentlich stolz auf sich sein müssten.
Eine Zeitlang dachte ich, die Antwort sei offensichtlich: Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der Care-Arbeit noch immer überwiegend „Frauensache“ ist und weniger anerkannt wird als bezahlte Erwerbsarbeit. Aber je häufiger ich diesen Satz hörte, desto mehr fragte ich mich, ob das wirklich die ganze Erklärung ist. Ich wollte es genauer verstehen.
Mehr als ein Bauchgefühl
Tatsächlich zeigt die Forschung seit Jahren, dass Mütter bei Einstellungen oder Beförderungen häufig schlechtere Chancen haben als gleich qualifizierte Frauen ohne Kinder. In der Arbeitsmarktforschung spricht man von der Motherhood Penalty. Der Begriff beschreibt die beruflichen und finanziellen Nachteile, die Frauen nach der Geburt von Kindern erfahren.
Dazu tragen mehrere Faktoren bei. Viele Mütter unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit oder arbeiten über Jahre in Teilzeit. Gleichzeitig werden sie von Arbeitgebern häufig als weniger flexibel oder weniger engagiert eingeschätzt – selbst dann, wenn Ausbildung und Berufserfahrung mit denen kinderloser Frauen identisch sind. Beides wirkt sich nachweislich auf Einkommen und Karriereverläufe aus.
Das bittere Gefühl vieler Mütter kommt also nicht von ungefähr. Die Rahmenbedingungen sind tatsächlich oft schwieriger. Aber erklärt das allein, warum so viele Mütter glauben, beruflich zu wenig erreicht zu haben?
Die Lebensmitte verändert den Blick
Auch die Lebensphase selbst scheint eine Rolle zu spielen. Für ihre Untersuchung wertete Laura Walker 50 Studien aus, die sich mit Frauen in der Lebensmitte und ihrer Arbeit beschäftigen. Ihr Fazit: Wenn die Kinder größer werden und wieder mehr Raum für die eigenen Wünsche entsteht, verändert sich häufig auch der Blick auf das bisherige Berufsleben. Es ist also kein Zufall, dass gerade diese Lebensphase mit Fragen nach Sinn, Identität und beruflicher Erfüllung verbunden ist.
Überraschend ist allerdings, wie wenig diese Lebensphase bislang erforscht ist. Obwohl Frauen zwischen 40 und 60 einen großen Teil der Erwerbsbevölkerung ausmachen, spielen sie in der Karriereforschung bislang eher eine Nebenrolle. Walker kommt zu dem Schluss: Berufliche Erfüllung ist für Frauen in der Lebensmitte durchaus möglich, allerdings stehen sie dabei jedoch häufig vor anderen und komplexeren Herausforderungen als Männer oder jüngere Frauen.
Was wäre gewesen, wenn ...?
Doch warum sehen wir unsere Vergangenheit oft kritischer als früher? Ein Grund könnte in einem psychologischen Phänomen liegen, für das es einen eigenen Begriff gibt: Counterfactual Thinking. Gemeint ist die Neigung, uns auszumalen, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn wir uns damals anders entschieden hätten. Dann beginnen Sätze wie diese im Kopf zu kreisen: Was wäre gewesen, wenn ich nach der Elternzeit wieder in Vollzeit gearbeitet hätte? Oder wenn ich damals mehr Mut gehabt und mich auf die anspruchsvollere Stelle beworben hätte?
Was dabei leicht übersehen wird: Wir vergleichen unser tatsächliches Leben oft nicht mit einer realistischen, sondern mit einer idealisierten Alternative. Wir sehen die Karriere, die wir vielleicht hätten machen können, aber nicht automatisch den Preis, den wir vermutlich dafür bezahlt hätten. Denn in der Fantasie umfasst der alternative Weg oft mehr Anerkennung, mehr Gehalt und mehr Selbstverwirklichung. Er geht aber nicht einher mit Schlafmangel, verpassten Kitafesten, zusätzlichem Leistungsdruck oder den Diskussionen darüber, wer zu Hause was übernimmt.
Die Vergangenheit fairer betrachten
Meine Spurensuche hat vor allem eines gezeigt: Eine einfache Antwort gibt es nicht. Bei dem Gefühl, beruflich unter den eigenen Möglichkeiten geblieben zu sein, spielen reale Benachteiligungen im Berufsleben ebenso eine Rolle wie die besondere mittlere Lebensphase, in der viele Frauen ihr bisheriges Leben neu bewerten. Hinzu kommt unsere menschliche Neigung, im Rückblick eher die Vorteile als den Preis eines anderen Lebensweges zu sehen.
Wenn Frauen wie Claudia ihren bisherigen Berufsweg vor allem als Geschichte verpasster Chancen betrachten, schauen wir uns noch einmal an, unter welchen Bedingungen ihre damaligen Entscheidungen entstanden sind. Mit etwas Abstand wirkt vieles selbstverständlich. Doch damals fühlte sich die Teamleitungsstelle vielleicht eher wie eine zusätzliche Belastung und nicht wie ein verpasster Karrieresprung an – weil die Kinder noch klein waren, Unterstützung fehlte oder andere Themen Priorität hatten.
Oft entdecken wir dabei noch etwas anderes: Wir sehen nicht nur, worauf wir verzichtet haben. Wir erkennen auch, welche Fähigkeiten in dieser Zeit entstanden sind. Fähigkeiten, die aus heutiger Sicht selbstverständlich wirken, die beruflich aber sehr wertvoll sind.
So wird der Blick auf die eigene Geschichte vollständiger. Und plötzlich steht nicht mehr nur die Frage im Raum, was hätte sein können, sondern auch, was noch werden kann. Claudia hat noch 20 Berufsjahre vor sich – genug Zeit, das nächste Kapitel bewusst zu gestalten.
Foto: Sven Peter


